So, das war jetzt also mein erstes WGT...
Ich habe mich einfach von ein paar guten Bekannten mal breitschlagen lassen, und dachte mir, dass es wohl durchaus ganz interessant sei, sich die „bösen Schwarzen, die sowieso alle Satanisten sind“ ganz aus der Nähe in ihrer natürlichen Umgebung anzuschauen… Also, da stand ich nun am Freitag…. Auf geht´s, ein Bändchen an den Arm, und schon war ich also ein Teil dieses Festivals….Dachte ich… Ich war schon ein wenig irritiert, dass mich so ziemlich jeder etwas zweifelnd von der Seite musterte. Was ist denn bitte an blauen Schlagjeans und einem Spaghetti-Top (es war doch schwarz!!!!) falsch? Vielleicht mein schlichter, naturblondbrauner Pferdeschwanz? Mein grauer Rucksack? Ich weiß es nicht….. Etwas mulmig war mir schon zumute, es hatten zwar ein paar Leute vor mir eine Mordsgaudi mit einem Teddybären, dem der Kopf abgerissen war und statt dessen nur eine blutige Lücke zwischen seinen Schultern prangte, aber die Wesen vor mir blicken finster und unnahbar drein. Vielleicht hatten sie auch einfach schon schmerzhafte Blasen an den Füssen, ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass solch hohe Pfennigabsätze länger als fünf Minuten bequem sein sollen. Da lob ich mir meine Rangers, die machen zwar keine so endlos langen, schlanken Beine, die in knappsten Hotpants verschwinden, aber bequemer sind sie allemal… Ätsch, ging es mir durch den Kopf, wenn Ihr in solchen Schuhen Aufmerksamkeit erregen wollt, dann steht es jetzt wohl aufgrund meines Outfits 1:0 für mich. Aber ich wollte doch gar nicht auffallen, ich wollte doch einfach nur mal wissen, was denn an den ganzen Gerüchten, die so um die Gothic-Szene wabbern, eigentlich wirklich dran ist. Ich hab mich ganz locker hingestellt, jedem, der mir in die Augen blickte, ein freundliches Lächeln gezeigt, und siehe da, nicht alle sind so griesgrämig und verkneifen sich ein Lächeln. Sollten da etwa doch ganz normale Menschen mit natürlicher Freundlichkeit und Toleranz hinter weißer Schminke und Rüschenhemd stecken?
Meine Bekannten haben ihr Bestes gegeben, um mich nach diesen merkwürdigen Erfahrungen wieder etwas zu beruhigen. Sie machten mir an vorbeiwandelnden Beispielen klar, wie facettenreich eigentlich die Gothic-Szene ist, und dass Gothic nicht gleich Gothic ist. So stachen mir pompöse Barockkleider mit passender männlicher Begleitung, überdimensionale Rieseniros, knallbunte Wadenschoner, angeleinte Lebenspartner (oder was auch immer) und, welch Wunder, schwarze Jeans mit schwarzem Band-Tshirt ins Auge. Schnell wurde ich darüber aufgeklärt, dass der Gruft als solches sich gerne erstens seinem Musikgeschmack entsprechend anzieht, und zweitens auch durchaus viel Wert auf ein „gepflegtes“ Erscheinungsbild gerade auf dem WGT legt. Uff, ganz schön schwierig, so viele Erkenntnisse auf einmal…. Und wohin soll ich dann die, meiner Meinung nach absolut Overdressten einordnen? Was soll mir der kopflose Teddybär, die 35cm Plateau-Stiefel, die schon von weitem erkennbaren falschen Haare sagen? Dass darunter ein Mensch steckt, der viel zu schüchtern ist, in „normalen“ Klamotten herumzulaufen? Der unbedingt sein Bild in dem ein oder anderen Szenemagazin wieder finden will? Oder einfach jemand, der von Geltungssucht nahezu besessen ist, und nicht mehr merkt, wo die Grenzen des guten Geschmacks liegen? Aber zurück zur Toleranz, die scheint ja oberstes Gebot in der Gothic-Szene zu sein… Jedem Tierchen sein Plaissirchen. Ich jedenfalls fühlte mich von der Anwesendheit egal welchen Gothics nicht gestört, von der „schwarzen“ Seite jedoch wurde mir nicht so viel Verständnis entgegengebracht…. Ab und an verstand ich sogar Wortfetzen wie „hat sich wohl verlaufen..“. Aha, sehr tolerant. Oder hört die Toleranz bei unadäquaten Klamotten auf? Irgendwie war mir dann das alles zuviel, und ich kroch etwas durcheinander in mein Zelt. Doch was war das? Neben uns saß ein Grüppchen bunt, (sorry, schwarz) zusammengewürfelter Leute und unterhielt sich über ganz weltliche Dinge wie Studium und Zukunftschancen….. Na ja, da ich auch aus diesem Studentenkreis komme, habe ich also den Versuch gewagt, und mich einfach in das Gespräch mit eingeklinkt. Sofort wurde mir ein Platz angeboten, ich mit aufrichtigem Interesse an meiner Person konfrontiert und alsbald wurde mir klar, dass ich hier nicht auf irgendwelche arroganten Satanisten gestoßen war, die nur über die Sehnsucht nach dem Tod und die beschissene Gesellschaft daherplapperten. Es waren unheimlich nette, aufgeschlossene Leute, die mich keineswegs als Fremdkörper empfanden, auch wenn ich an meiner Cola light nuckelte und EBM zuerst für ein Autoersatzteil hielt. Nach einem langen, sehr angenehmen Gespräch rollte ich mich dann doch ziemlich zufrieden in meinem Schlafsack zusammen und musste insgeheim mit einem Grinsen im Gesicht an die armen Füße denken, die jetzt wohl auch nach Stunden noch in den hochhackigen Schuhen eingesperrt sind… Wer schön sein will, muss leiden….
Am nächsten Morgen hab ich mich auf dem Weg zur Toilette regelrecht gewundert, wo denn all die durchgestylten Wesen abgeblieben sind. In der Schlange an der Toilette standen ganz viele leicht übernächtigte Leute mit echten(!!) Augenringen, die plötzlich laut lachen konnten, die ganz normale Gespräche wie „Hoffentlich sehe ich den langhaarigen Typen mit der Lackhose wieder…“ oder „Meinst Du, ich soll mal meine Eltern anrufen, die machen sich bestimmt schon Sorgen..!“ führten. Da fiel ich in meiner schwarzen Jogginghose und dem geliehenen „The 69 Eyes“ Longsleeve gar nicht mehr auf. Die beiden Kerle hinter mir zeigten sogar hormonell bedingtes Interesse an mir. Oha, wenn die wüssten, dass sie gerade mit einer Aussätzigen sprachen, dachte ich mir. Also hab ich mich ganz schüchtern und bedeckt gehalten und nur die Frage, ob denn die Band auf dem Oberteil meine Lieblingband sei, kurz und knapp mit „Ja, schon ewig…“ beantwortet. Schade, irgendwie war der kleinere von beiden ganz interessant mit seinem Undercut.. Aber der wird wahrscheinlich schnell wieder das Weite suchen, wenn er wüsste, dass ich eigentlich eher zu Rock im Park gefahren wäre, wenn es nach mir gegangen wäre…. Egal, jetzt war erstmal Shopping angesagt, schließlich wollte ich meine Bekannten für meine schlechte Laune am Vorabend entschädigen und ihnen wenigstens die prallgefüllten Einkaufstüten schleppen.
In der gigantischen Markthalle schien es wirklich alles zu geben, was zu der gehobenen Grundausstattung eines Gothics gehörte…. Klamotten für alle Stilrichtungen, die passenden Accessoires wie Schmuck oder Handtaschen, Kunst und Kitsch sowie die angemessene musikalische Untermalung. Und so begann meine „Was ist ein Gothic?“ Schulung, zweiter Teil…. Erstens scheint der Gothic einen Zaubergeldbeutel zu besitzen, der sich immer wieder wie von Geisterhand füllt. Was zum Teufel (welch Wortspiel!!) kosten denn die Klamotten? Ich hatte für mein heutiges Outfit außer dem geliehenen Stachelhalsband gerade mal 75 Euro bezahlt, ich hatte einen Rock und ein schwarzes Oberteil mit einem Drachen drauf an, ein schwarzes Tuch um die Hüften und meine schwarze Sonnebrille im Haar. Und da sollte eine lumpige Lackhose schon 60 Euro kosten? Versteh das mal einer…… Nach gut zwei Stunden „schleppte“ ich gerade mal zwei kleine Tüten, die mit Schnäppchenangeboten und einem putzigen Fledermaus-Schlüsselanhänger gefüllt waren. Meine Bekannten schienen den oben erwähnten Geldbeutel wohl doch nicht zu besitzen….. Etwas abgekämpft genehmigte ich mir eine Auszeit in dem Futterbereich, und aufgrund Platzmangels setzte ich mich einfach ganz vorsichtig neben ein Wesen, von dem ich zuerst wirklich nicht wusste, ob er oder sie oder was auch immer…….. Auf einmal jedoch fragte mich eine tiefe Stimme, ob ich vielleicht eine Zigarette hätte, er hat seine vorhin leider verloren… Klar, entgegnete ich mit freundlichem Lächeln, und bot ihm sogar noch Feuer an. Diese Aufgeschlossenheit meinerseits schien ihn geradezu zu animieren, sich auf ein Gespräch mit mir einzulassen. Er bemerkte natürlich sofort, dass dies meine erste Begegnung mit der schwarzen Szene war, und ich noch immer nicht ganz wusste, was ich von all dem halten sollte. Er bot mir an, ihn nach Herzenslust und ganz frei von der Seele weg alles zu fragen, was mich momentan interessieren würde. Ehrlich gesagt war ich ganz schön verdattert, da saß nun so ein androgynes Wesen neben mir, so eines, wie mich gestern ganz abfällig gemustert hatte, und lächelte mich auffordernd an…. OK, dachte ich, du hast es nicht anders gewollt, und so lernte ich einen ganz normalen Menschen kennen, der sich einfach in Minirock und Strapsen wohl fühlt, egal, was die anderen denken, und der es schon fast ein wenig schade fand, dass ich mir heute Vormittag ein Outfit zusammengestellt hatte, in dem ich mich irgendwie zu finster fühlte, aber nicht schon wieder auffallen wollte. Seine Auffassung von einem richtigen Gothic definierte sich nicht über das Aussehen, sondern über seine Gedanken, seine Gefühlen, seine Vorliebe zum „Anderssein“….. Ich war derart in unser Gespräch vertieft, dass ich gar nicht merkte, wie meine Bekannten ihr verlorenes Schäfchen wieder abholen wollten und sich diskret an dem Nachbartisch niedergelassen hatten. Nachdem ich mich von meinem Gesprächspartner verabschiedet hatte, wollten meine Freunde natürlich sofort wissen, wer denn der Typ gewesen sei und warum ich mich mit ihm so lange unterhalten hatte. Meine Aussagen dazu wollten sie zuerst nicht recht glauben, hatte ich mich doch mit einem Art „Überwesen“ unterhalten, dass selbst der „normale“ Gruft mit Hochachtung nur aus der Ferne bewundert…. Aha, nicht mal die Gothics untereinander wissen oftmals so recht, was sie voneinander halten sollen. Sehr interessant….
Na ja, alles in allem hab ich an diesem Pfingsten einen ganzen Berg an Eindrücken sammeln können, die mir, und das ist jetzt meine ganz persönliche Meinung, gezeigt haben , dass 95% der Gothics auch ganz normale Menschen sind, die weder den ganzen Tag den Teufel anbeten und den Weltuntergang herbeischwören noch zum Abschaum der Gesellschaft gehören. Und selbst wenn eine/r noch so ungewöhnlich daherkommt, so steckt doch meist ein Mensch mit der natürlichen Sehnsucht nach Anerkennung, Respekt und Zuneigung dahinter. Ich werde jetzt nicht nur noch in schwarz daherwandeln und meine Rock-CDs gegen Lacrimosa eintauschen, doch die ein oder andere Hörprobe hat mir durchaus gefallen, und, hey, sogar tanzen kann man auf diese Musik. Und wem es nicht passt, dass ich in den Klamotten fortgehe, in denen ich mich wohl fühle, der sollte sich lieber erstmal selbst fragen, wie weit den seine immer so hoch angepriesene Toleranz wirklich ist.
Krönender Abschluss: Gothics, bleibt einfach, wer ihr seid, ihr seid, auf jeden Fall optisch eine Bereicherung für unsere manchmal schon fade Gesellschaft, und man muss nicht bunt sein, um ein kleiner Lichtblick am Tag zu sein….
© 2003 Madradena, nach einem langen Gespräch mit einem "Bunten".